Ein Blick in die präkoloniale Vergangenheit Südostasiens: Zu dieser Zeit gab es keine markierten oder kartografierten Grenzen zwischen den Ländern. Die Geografie wird durch Einflussbereiche der Königshäuser bestimmt. Keine Grenzsteine, keine gedachten Linien. Diese Einflussbereiche gehen ineinander über, und nicht selten sind Ansiedlungen in den Randzonen gegenüber zwei Königshäusern tributpflichtig. Die heiligen Stätten in diesen Gebieten werden gemeinsam genutzt. Insbesondere diejenigen, die sich an Wasserscheiden befinden.
An einer solchen Wasserscheide liegt die Tempelanlage Preah Vihear, die zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert von einem Khmer-König zu Ehren des Hindu-Gottes Shiva erbaut wurde. Das Korat-Plateau, das den Dangrek-Gebirgszug bildet, hat hier seine südliche Bruchkante. Über 500 Meter geht es steil bergab zu einer tiefer gelegenen Ebene. Auf Klippen wie dieser wurden häufig kultische Anlagen errichtet. Solche Übergänge galten als beseelt von Respekt gebietenden Wesen, die man um Erlaubnis bat und ehrte, bevor man passierte. Buddhisten und Hindus nutzen die Tempel von Preah Vihear gemeinsam. Wanderer beider Religionen begegnen sich hier. Die Frage, wem die Anlage gehöre wird sich zu dieser Zeit niemandem gestellt haben.
Die Jahre vergehen, das Reich der Khmer zerfällt und das Gebiet des heutigen Kambodschas ist heiß begehrt. Siam und Vietnam kämpfen lange um das Land, einigen sich jedoch 1846 auf eine gemeinsame Herrschaft. Dann kommt der Westen. Frankreich wird im Zuge des Wettrennens um die Kolonien Herrscher über Südvietnam. Doch man will mehr. Im Laufe der Zeit nehmen die Franzosen Teile Kambodschas in Besitz, die zunächst Siam zugebilligt wurden. 1904 auch jene Nord-Provinz, in deren Grenzland die Tempelanlage Preah Vihear liegt. Was man sich genommen hat, wird anschließend gesichert. Grenzen werden gezogen. Eine siamesisch-französische Kommission soll Siam und Indochina im westlich technokratischen Sinne definieren. Das Land wird 1907 vermessen, Karten werden gezeichnet. Die neu gezogene Grenze im Dangrek-Gebirgszug weicht von der Wasserscheide ab und orientiert sich weiter nördlich an einem Bachlauf auf dem Hochplateau. Die Tempelruine von Preah Vihear liegt damit auf kambodschanischem Boden. Den Siamesen fällt das zunächst nicht auf. Vielleicht interessiert es sie auch nicht.
Das ändert sich 28 Jahre später. Die Siamesen vermessen die Grenze abermals und müssen feststellen, dass die rote Linie auf der Karte von 1907 quer durchs Hinterland führt. Protestiert wird jedoch nicht. Vielleicht wartet man auf den richtigen Moment. Der kommt mit dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf sich Siam, das inzwischen Thailand heißt, große Teile Kambodschas aneignet. Mit dem Segen der Japaner. Doch 1946 muss Thailand das Gebiet an Kambodscha zurückgeben. Die Grenze von 1907 ist wieder gültig.
Den ersten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit begehen die Kambodschaner am 9. November 1953. Zum Feiern wählt man Orte, die die vergangene Größe des Khmer-Reichs widerspiegeln. Darunter auch Preah Vihear. Die Thailänder indes sehen in diesen Feierlichkeiten einen kambodschanischen Staatsakt auf ihrem Grund und Boden, reagieren mit der Stationierung von Truppen auf dem Tempelgelände. Der Streit beginnt, diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden abgebrochen. Eine Auseinandersetzung droht.
Das militärisch schwächere Kambodscha sieht sich in seiner Souveränität verletzt und bittet beim internationalen Gerichtshof um Hilfe. Der beschließt 1962, dass Preah Vihear zu Kambodscha gehört. Man beruft sich auf die Karte von 1907. Das Urteil bezieht sich jedoch nur auf den Tempel. Das umliegende Gebiet, auf dem auch der Zugang zur Anlage liegt, fällt Thailand zu. Man bleibt uneins.
Die Tempelanlage wird indes von thailändischer Seite aus für den Tourismus genutzt. Durch den Nationalpark Khao Phra ist sie einfach über den Haupteingang zu erreichen. Von Kambodscha aus führt nur ein schmaler, teils sehr steiler Pfad zu ihr hinauf. Auch das nährt den Streit um die Anlage. Mehrfach kommt es im Grenzgebiet zu Schießereien zwischen den Streitkräften der beiden Länder. Die thailändische Botschaft in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh wird 2003 von einer aufgestachelten Menge niedergebrannt, nachdem sich das Gerücht verbreitet, Thailand erhebe erneut Anspruch auf den Tempel.
Kambodscha versucht, den Konflikt über die bilaterale Ebene hinaus zu tragen, und beantragt bei der UNESCO die Aufnahme Preah Vihears in die Weltkulturerbeliste. Thailand protestiert. Trotz jahrelanger Konflikte und militärischer Präsenz der beiden Seiten im Grenzgebiet wird Preah Vihear 2008 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Der neue Titel wirkt sich wie ein Brandbeschleuniger am Krisenherd aus, die Truppenaufgebote werden verstärkt. 3000 Thai-Soldaten stehen 2000 Angehörigen der kambodschanischen Armee gegenüber. Seither kommt es immer wieder zu Scharmützeln.
Dass Kambodscha und Thailand um einen Fleck Erde von nicht ganz fünfzig Quadratmeter Fläche streiten, mag absurd erscheinen. Fragwürdig ist jedoch, warum die UNESCO den Tempel überhaupt zum Weltkulturerbe ernannt hat. Wusste man doch sicher um den seit Jahrzehnten brodelnden Konflikt im Grenzgebiet. Ein Blick in die Präambel der UNESCO-Verfassung zeigt, welcher Grundgedanke auch mit der Ernennung von Weltkulturerbestätten verbunden sein sollte: „Da Krieg im Geist der Menschen entsteht, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“
Inwiefern das im Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha geklappt haben soll, bleibt offen. Hier scheint weder der Frieden in den Köpfen verankert, noch das Erbe der Menschheit geschützt. Im Gegenteil: Sieben Menschen fielen laut offiziellen Angaben den jüngsten Auseinandersetzungen zum Opfer. Teile des Tempels sollen durch Artilleriefeuer zerstört worden sein.
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