Zeitgeschichte, Erinnerungskultur, von Moritz Schäfer, 10.04.11

„Es war plötzlich keine Schande mehr, darüber zu sprechen.“

Der Prozess gegen Adolf Eichmann vor 50 Jahren ermöglichte nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

1961 wurde Adolf Eichmann wegen "Verbrechen gegen das jüdische Volk", "Verbrechen gegen die Menschheit" und "Kriegsverbrechen" in Jerusalem der Prozess gemacht. (Quelle: Wiki Commons)

Buenos Aires, 11. Mai 1960, 19.30 Uhr Ortszeit. Ricardo Klement, Elektriker in einem Mercedes-Benz-Werk, ist auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Wie jeden Abend nimmt er den Bus von der Hauptstadt in den Vorort San Fernando und macht sich zu Fuß auf den Weg von der Haltestelle zu seinem Haus. Als er in die schmale Gribaldi-Straße abbiegt, kommen zwei Autos um die Ecke gesaust. Eins blendet ihn mit eingeschaltetem Fernlicht, aus dem anderen springen zwei Männer. Sie halten dem Elektriker den Mund zu, zerren und schubsten ihn in auf den Rücksitz ihres Wagens und verschwinden mit ihm in der Dunkelheit.

Knapp ein Jahr später, am 9. April 1961 steht Ricardo Klement vor dem Jerusalemer Bezirksgericht, in einem schusssicheren Glaskasten, der ihn vor einem Attentatsversuch schützen soll. Ein kleiner, schmächtiger Mann mit dunkler Hornbrille, der nun nicht länger Ricardo Klement heißt, sondern bei seinem richtigen Namen genannt wird: Adolf Eichmann.

Als Leiter des Referats „Judenangelegenheiten und Räumung“ im Reichssicherheitshauptamt war Eichmann für die Organisation der Vertreibung und Deportation von Juden zuständig, und damit zentral mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen im weitgehend besetzten Europa.

Nach dem Krieg tauchte er lange in Deutschland unter, wanderte dann 1950 mit Hilfe deutsch-katholischer Kreise über Italien nach Argentinien aus. Hier wird er schließlich an jenem 11. Mai 1960 festgenommen und nach Israel entführt. Fünfzehn Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager wird er hier als einer der wichtigsten NS-Verbrecher zur Verantwortung gezogen.

Die vom israelischen Generalstaatsanwalt Gideon Hausner ausgearbeitete Anklageschrift wirft Eichmann unter anderem „Verbrechen gegen das jüdische Volk“, Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Kriegsverbrechen“ und die Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation“ vor. Mehr als einhundert Zeugen werden aufgerufen, Tausende von Dokumenten als Beweismaterial vorgelegt. Eichmann selbst leugnet jede Schuld, stellt sich selbst als bloßen Befehlsempfänger hin. Heute ist klar, dass Eichmann viel mehr war als das. Ein Schreibtischtäter sicherlich, doch ein von Grund auf aus Überzeugung handelnder.

Nach acht Monaten endet der Prozess mit einem Schuldspruch und dem Todesurteil, das am 31. Mai 1962 im Gefängnis von Ramla bei Tel Aviv vollstreckt wird. Eichmanns Leiche wird verbrannt, seine Asche verstreut man im Mittelmeer, weit außerhalb des israelischen Gebiets.

Heute zeigt sich, welche Auswirkungen der Prozess auf die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust hatte. Vor allem in Israel. Viele der Überlebenden, die nach dem Ende des Weltkrieges nach Palästina ausgewandert waren, wollten ihre schmerzhaften Erinnerungen nur noch vergessen. Ohne die drückende Last der Vergangenheit wollte man in die Zukunft schauen, insbesondere in den Gründerjahren des neuen Staates Israel.

Über die grauenhaften Erfahrungen in Konzentrationslagern und Ghettos sprachen nur sehr wenige, das beklemmende Schweigen herrschte selbst im engsten Familienkreis. Hinzu kam der Druck der in Palästina geborenen Juden, die den Überlebenden vorwarfen, dass sie sich wie „Schafe zur Schlachtbank“ hatten führen lassen.

Mit dem Prozess gegen Eichmann änderte sich das auf einen Schlag. „Es war plötzlich keine Schande mehr, über den Holocaust zu sprechen, weil es nun diese öffentliche Debatte gab“, sagt Menachem Ben-Sasson, Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem heute. Auch das Selbstbewusstsein der Überlebenden wurde gestärkt. Für sie wendete sich das Blatt insofern, als dass sie von Opfern zu Anklägern und Richtern wurden.

Auch in Deutschland wirkte sich der Prozess auf die öffentliche Thematisierung der Nationalsozialistischen Vergangenheit aus. Auch hier hatte man in der unmittelbaren Nachkriegszeit und den 1950er Jahren versucht, die Vergangenheit durch schweigen zu verdrängen. Auch hier galt es, neu anzufangen. Doch durch die öffentliche Berichterstattung rückte die dunkle Vergangenheit in die Schlagzeilen und die Kinder wollten wissen, welche Rolle ihre Eltern und Großeltern im „Dritten Reich“ gespielt hatten.

Seit dem Prozessbeginn sind inzwischen fünfzig Jahre vergangen, doch in Israel spielt der Fall Eichmann auch heute noch eine wichtige Rolle. Zusammen mit dem israelischen Staatsarchiv hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Videoausschnitte aus dem Prozess im Internet veröffentlicht. Über 200 Stunden Filmmaterial werden in einem eigens eingerichteten Youtube-Kanal gezeigt – darunter zahlreiche Zeugenaussagen von Holocaust-Überlebenden. „Das Hochladen des Materials zum 50. Jahrestag dieses historischen Prozesses gibt einer neuen Generation die Möglichkeit, einen der bedeutendsten Wendepunkte der Menschheit in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu sehen“ sagt der Vorsitzende von Yad Vashem, Avner Shalev.

Leser-Kommentare

An dieser Stelle können Sie gern einen Kommentar hinterlassen. Bitte loggen Sie sich hierfür zunächst ein bzw. erstellen ein Benutzerkonto.

Keine Kommentare